„Phantasie haben und träumen“
Portrait by Udo Klebes
Portrait by Udo Klebes
DER NEUE MERKUR CULTURE MAGAZINE, VIENNA 2010
Im Portrait: EVAN MCKIE – Erster Solist des Stuttgarter Balletts.
„Phantasie haben und träumen“: Als Achtjähriger nahm ihn seine Großmutter mit in eine Aufführung von Crankos „Onegin“, die den bis dahin schon von einem Bewegungsdrang getriebenen Jungen fortan für Ballett entflammte und ihn erkennen ließ, dass mit Tanz auch eine schauspielerisch-dramatische Ebene erfasst werden kann. Genau das wollte er künftig machen. Nicht einmal zwanzig Jahre später stand er nun erstmals als Puschkin’scher Titelheld in jenem Cranko-Ballett auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses. Diese wichtige Rolle sollte er bereits anlässlich seiner Ernennung zum Ersten Solisten nach seinem „Hamlet“-Debut im Oktober 2008 für eine bevorstehende Tournee des Stuttgarter Balletts als Cover einstudieren.
Dazu kam es dann nicht, stattdessen hatte er nun ein gutes Jahr Zeit um sich intensiv darauf vorzubereiten. Für Evan gehören dazu neben Videos und DVDs mit vorhergehenden Interpreten auch Literatur und die Auseinandersetzung mit dem darzustellenden Charakter. Dieses Debut gehört zu den großen Momenten in seiner bisherigen Karriere, wobei er einen Teil des erreichten Erfolges auch seiner ihm zugeteilten Partnerin Myriam Simon als Tatjana zuschreibt, die er noch als Landsmännin aus seiner Heimat kennt, mit der er sich sehr gut versteht und u.a. im 3.Satz von Crankos „Initialen“ gut harmoniert hat. Was aber nicht bedeutet, nur mit dieser einen
Partnerin tanzen zu wollen, vielmehr fordern ihn wechselnde Besetzungen mit unterschiedlichen Temperamenten dazu heraus sich selbst wieder von einer anderen Seite zeigen und kennenlernen zu können.
Bei seinen inzwischen zahlreich gewordenen großen Partien konnte er das mit verschiedensten Tänzerinnen beweisen. Inspiration im allgemeinen benötigt er für das tägliche Feilen an seinen Fähigkeiten. Die kann er sowohl von Debutantinnen als auch von erfahrenen Kolleginnen gewinnen, um festzustellen, wie weit er gehen kann. Zielstrebigkeit prägte Evan McKie schon in der Kindheit, manchmal auch eine fast übersteigerte Energie. Das Theater umgab ihn von Anfang an, speziell von seinen Großeltern, einer Schauspieldirektorin und einem Beleuchtungs-Designer wurde er schon früh in die Bühnenkunst eingeführt und lernte die wichtigen Details, auf die es zur Optimierung einer Aufführung ankam, von Grund auf kennen. Bücher und Musik bestimmten schon bald sein Leben und sind Teile seiner Animation zum Tänzer-Beruf und zum Formen und zur Vertiefung von Rollen-Gestaltungen. Auch seine Eltern unterstützten sein Bestreben Tänzer zu werden. Als der viel Sport (Basketball und Schwimmen) sowie modernen Tanz (Jazz und Stepp) treibende Junge nach erwähntem erstem Ballett-Erlebnis seine Ausbildung an der National Ballet School of Canada begann, wurde bald sein idealer Körperbau für klassischen Tanz erkannt.
Angeregt durch viele Ballett-Aufführungsbesuche des damals von Reid Anderson geleiteten National Ballet of Canada sowie Gastspiele bedeutender Kompanien aus aller Welt und die damit verbundene Bekanntschaft mit einem größeren Ballett-Repertoire wechselte er auf Empfehlung einer befreundeten russischen Ballett-Lehrerin 1997 für zwei Jahre an die ganz auf die klassische russische Schule ausgerichtete Kirov Academy in Washington DC. Dort lernte er Petr Pestov kennen, der auch an der Cranko-Schule unterrichtete und ihn einlud in Stuttgart seinen Abschluß zu machen. Im Bewusstsein, dass inzwischen sowohl Anderson als auch einige der ihm bekannten Tänzer (z.B. Margaret Illmann und Robert Tewsley, später auch Jason Reilly und Eric Gauthier) beim Stuttgarter Ballett waren und folglich am Renommée dieser Kompanie etwas dran sein muß, folgte er dem russischen Pädagogen ins Schwäbische. Nicht zum ersten Mal, bereits 1994 wurde er für eine Deutschland-Tournee des National Ballet of Canada mit James Kudelkas „Pastorale“ und „Coppelia“ als einer von wenigen Jungen aus der Ballettschule ausgewählt und gastierte dabei u.a. auch im nahen Ludwigsburg.
Aufgrund einer längeren Krankheit Pestovs, speziell auf dessen Kapazität er setzte und durch den er auch Russisch gelernt hatte bzw. lernen musste, kehrte Evan auch aufgrund der Wertlegung der Familie auf einen akademischen Abschluß noch einmal an die von Oleg Vinogradov gegründete Akademie nach Washington DC. zurück, um dort nach nur einem Jahr ( 2 Schuljahre in einem!) sein Diplom zu machen. Während diesem Zeitraum hatte er in Folge eines Bootsunfalles einen totalen Kreuzbandriss im Knie erlitten. Ärzte prophezeiten ihm nie wieder tanzen zu können. Nach zwei depressiven Monaten ging er dennoch zu einem bereits geplanten Sommerkurs nach Colorado und versuchte wieder zu trainieren. Dort begegnete er Gilbert Meyer von der Ballettschule der Pariser Oper, der viel mit ihm gearbeitet und durch Evans Tanzleidenschaft an ihn geglaubt hatte. Tatsächlich ging es mit den Beinen bald besser, so dass Meyer ihn einlud in die Abschlussklasse nach Paris mitzukommen. Mittlerweile war jedoch Pestov wieder gesund, weshalb es Evan schließlich doch wieder nach Stuttgart drängte, um dort die Ballettausbildung zu beenden. Das war 2001. Während dieser Zeit nutzte er wie schon zuhause in Toronto jede Gelegenheit so viele Vorstellungen wie möglich zu sehen.
Bereits damals fiel der groß gewachsene Junge regelmäßigen Ballett-Besuchern durch seine Präsenz und Haltung auf, die manchen bereits an eine vielversprechende Zukunft denken ließ. Auf ein Jahr als Eleve folgte schließlich die Übernahme ins Corps de ballet. Früh bekam er kleine Charakterrollen anvertraut, mit dem Kapitän in Crankos „Pineapple Poll“ sein erstes Tanz-Solo und schließlich noch vor dem Hortensio mit Lucentio (Zähmung) eine frühe Einspring-Chance, weil sämtliche Alternativen ausgefallen waren. Eine Woche hatte er nur Zeit für dieses Debut. „Last minute“ sei das gewesen, aber durch gutes Zureden von Georgette Tsinguirides bestand er diese Herausforderung erfolgreich. Es macht ihm Spaß mehrere Rollen in einem Stück zu tanzen, wie später auch in „Dornröschen“ mit dem Prinz des Nordens, danach dem Blauen Vogel und schließlich im Juli 2008 als Desiré. Wie schon bei Siegfried (Debut Oktober 2007) wurde er auch in der Rolle des Aurora-Erweckers aufgrund seiner idealen körperlichen Proportionen als der klassische Prinz gefeiert. Wer jedoch glaubt, darin sieht Evan seine zentralen und wichtigsten Aufgaben, täuscht sich.
Die Balanchine-nahen, vom puren Tanz lebenden Figuren bedeuten für ihn, so sehr er den Meister der Neoklassik schätzt, letztlich nur einen Teil seines Repertoires. Auf die Mischung neoklassischer und auch von modernen Tanzstilen beeinflusster Choreographien kommt es ihm an und vor allem immer wieder auf die darstellerische Entwicklung von Charakteren in den unterschiedlichen Handlungsballetten. Neben dem Lenski, der ihm nach dem Debut im Februar 2006 die spontane Ernennung zum Solisten einbrachte und dessen Gestaltung ihm bei seinem jüngst erfolgten Onegin-Debut enorm zum Verständnis beigetragen hat, waren das noch Des Grieux in „Kameliendame“ und die neu choreographierten Stücke von Christian Spuck (Alwa in „Lulu“), Mauro Bigonzetti (Vincenzo in „I fratelli“) und Kevin O’Day (Laertes in „Hamlet“, danach als ehrenvolle Aufgabe die Titelrolle – die er, wäre er Schauspieler, brennend gern spielen würde). Besonders gefreut hat ihn, dass O’Day mit ihm einige Facetten anders als mit den beiden Alternativ-Besetzungen kreierte und ihn dadurch davon befreite, lediglich eine Kopie der anderen zu sein. Sich selbst finden ist für Evan in jeder Rolle, jeder Aufgabe wichtig.
Auch wenn er in vielen Parts der einstigen Cranko-Größe Heinz Clauss auftritt und im puren, schlichten, auf wenig Äußeres setzenden Tanz Parallelen zu ihm erkennt, möchte er nicht dessen Doublette sein. Viel gelegen wäre ihm auch an Otello und Jago in Neumeiers Shakespeare-Ballett, denn leider war McKie z.Zt. der Stuttgarter Einstudierung in der Spielzeit 08/09 für einige Monate durch eine Achilles-Sehnen-Verletzung ausgefallen. Neumeier mit seinen akribisch genau erläuterten Vorstellungen, aber auch Wayne McGregors viel Flexibilität und Spiel mit dem Körper verlangenden Stil zählt Evan zu den bisherigen Höhepunkten choreographischer Auseinandersetzungen. Eine Sonderstellung nimmt für ihn Stuttgarts Hauschoreograph Marco Goecke ein, der sich wie Cranko enorm von den Tänzern inspirieren und ihre Persönlichkeiten wie Flammen aus der Dunkelheit seiner düsteren Bühnenräume herausglühen und flackern läßt. Da sei in der Tat so viel Persönliches und ungewohnt Neues aus ihm herausgekommen. Auch wenn er bei einer Choreographie oder Rolle mal gegen seine eigene Überzeugung oder sein Wesen eingesetzt werden sollte, würde er das nie ablehnen, denn er braucht eine große Verantwortung gegenüber der Kompanie, gerade auch bei widersprüchlichen Aufgaben.
Von Balanchine ( Herren-Solo in „Theme and Variations“ ), über MacMillan (der Ewige in „Lied von der Erde“) bis zu Forsythe („Thrill“) und einigen Uraufführungen nachwachsender Choreographen hat McKie bislang auch ein breites abstraktes Repertoire erarbeitet. Von der schöpferischen Seite hat er sich bei der letztjährigen Reihe „Junge Choreographen“ der Noverre-Gesellschaft vorgestellt und in „Vapour Plains“ (= Dampf-Prärie) von der Partnerschaft seiner Kollegen Alicia Amatriain und Jason Reilly zu einem ungewöhnlich kühnen Pas de deux inspirieren lassen. Die ohne Bodenberührung um den Körper des Mannes gehangelten Bewegungen der Frau hatte er zuerst bei einer Puppe ausprobiert. Bedenkt man dabei sein zuvor nur einmal erprobtes Choreographien als 13jähriger! in der Ballettschule, ist diese durchdachte und körperlich ausdrucksvolle Präsentation umso höher einzuschätzen. Dennoch: an eine Zukunft als Choreograph denkt McKie nicht, auch wenn es ihm nicht an Ideen dafür mangelt. Überhaupt ist die Zeit nach dem Tanzen jetzt noch kein Thema, nur so viel ist sicher: es muß mit Theater zu tun haben, denn ein Leben ohne Musik, die ihn unwillkürlich zu Tanzschritten animiert, ohne Kunst, ist für ihn nicht denkbar. Vielleicht kommt ja auch eine Ballettmeister-Funktion in Frage, sieht er sich doch bei den Proben gleichzeitig auch als Regisseur, der anderen automatisch Korrekturen gibt. Als Tänzer, der sich um sehr viele Details kümmert, wird er von Kollegen oft gefragt. Sehr wichtig sei dies für ihn, um auch einmal vom eigenen Ego wegzukommen. Ein Choreograph oder Regisseur muß immer wissen, was das Beste für die anderen, ein Tänzer, was das Beste für sich selbst ist! Diese Balance hat er Robert Tewsley und Manuel Legris zu verdanken, die ihm oft während der Proben Korrekturen gegeben haben.
Auch außerhalb seiner eigenen Aktivität saugt er das Angebot an Ballett-, aber auch Opern- und Schauspiel-Veranstaltungen in sich auf – von allem kann er etwas Positives für sein eigenes Wirken mitnehmen. Außerdem ist er dankbar für das familiäre Klima in der Kompanie und zwischen den Kollegen, die er nie als Konkurrenz betrachtet. Jede/r hat hier seinen Platz und seine Aufgaben. Von dem auch im Gespräch so rationell und emotionell ausgeglichen wirkenden Künstler mit der herausragenden Symbiose aus Eleganz, Noblesse und Charakterfestigkeit dürfen wir sicher noch viel erwarten – sowohl in der Vertiefung bereits studierter Partien als auch in den hoffentlich noch bevorstehenden Rollen des Albrecht („Giselle“), Armand („Kameliendame“) oder – als besondere Wünsche – Edward in Bintleys gleichnamigem Historienballett, Rudolf in MacMillans „Mayerling“ und Carabosse in „Dornröschen“. Generell weist Evan dem Handlungsballett eine wichtige Funktion zu und glaubt, dass auch künftige Choreographen wieder mehr auf diese Form vertrauen und setzen werden.
Zuletzt bekennt er sich noch als Fan des Stuttgarter Balletts – einer Kompanie mit Persönlichkeiten und einem Publikum, dessen Anteil am Ballettgeschehen einmalig sei. „Phantasie haben und träumen“ - das ist genauso wichtig für die Zuschauer wie für ihn als Tänzer! Spätestens bei diesen Schlussworten wird klar, dass Evan McKie auch ein ausgesprochen liebenswerter Mensch ist, der sich viele Gedanken um das Leben, die Bretter, die die Welt bedeuten macht.
Ein herzliches TOI-TOI-TOI für die Zukunft!
Udo Klebes
Dazu kam es dann nicht, stattdessen hatte er nun ein gutes Jahr Zeit um sich intensiv darauf vorzubereiten. Für Evan gehören dazu neben Videos und DVDs mit vorhergehenden Interpreten auch Literatur und die Auseinandersetzung mit dem darzustellenden Charakter. Dieses Debut gehört zu den großen Momenten in seiner bisherigen Karriere, wobei er einen Teil des erreichten Erfolges auch seiner ihm zugeteilten Partnerin Myriam Simon als Tatjana zuschreibt, die er noch als Landsmännin aus seiner Heimat kennt, mit der er sich sehr gut versteht und u.a. im 3.Satz von Crankos „Initialen“ gut harmoniert hat. Was aber nicht bedeutet, nur mit dieser einen
Partnerin tanzen zu wollen, vielmehr fordern ihn wechselnde Besetzungen mit unterschiedlichen Temperamenten dazu heraus sich selbst wieder von einer anderen Seite zeigen und kennenlernen zu können.
Bei seinen inzwischen zahlreich gewordenen großen Partien konnte er das mit verschiedensten Tänzerinnen beweisen. Inspiration im allgemeinen benötigt er für das tägliche Feilen an seinen Fähigkeiten. Die kann er sowohl von Debutantinnen als auch von erfahrenen Kolleginnen gewinnen, um festzustellen, wie weit er gehen kann. Zielstrebigkeit prägte Evan McKie schon in der Kindheit, manchmal auch eine fast übersteigerte Energie. Das Theater umgab ihn von Anfang an, speziell von seinen Großeltern, einer Schauspieldirektorin und einem Beleuchtungs-Designer wurde er schon früh in die Bühnenkunst eingeführt und lernte die wichtigen Details, auf die es zur Optimierung einer Aufführung ankam, von Grund auf kennen. Bücher und Musik bestimmten schon bald sein Leben und sind Teile seiner Animation zum Tänzer-Beruf und zum Formen und zur Vertiefung von Rollen-Gestaltungen. Auch seine Eltern unterstützten sein Bestreben Tänzer zu werden. Als der viel Sport (Basketball und Schwimmen) sowie modernen Tanz (Jazz und Stepp) treibende Junge nach erwähntem erstem Ballett-Erlebnis seine Ausbildung an der National Ballet School of Canada begann, wurde bald sein idealer Körperbau für klassischen Tanz erkannt.
Angeregt durch viele Ballett-Aufführungsbesuche des damals von Reid Anderson geleiteten National Ballet of Canada sowie Gastspiele bedeutender Kompanien aus aller Welt und die damit verbundene Bekanntschaft mit einem größeren Ballett-Repertoire wechselte er auf Empfehlung einer befreundeten russischen Ballett-Lehrerin 1997 für zwei Jahre an die ganz auf die klassische russische Schule ausgerichtete Kirov Academy in Washington DC. Dort lernte er Petr Pestov kennen, der auch an der Cranko-Schule unterrichtete und ihn einlud in Stuttgart seinen Abschluß zu machen. Im Bewusstsein, dass inzwischen sowohl Anderson als auch einige der ihm bekannten Tänzer (z.B. Margaret Illmann und Robert Tewsley, später auch Jason Reilly und Eric Gauthier) beim Stuttgarter Ballett waren und folglich am Renommée dieser Kompanie etwas dran sein muß, folgte er dem russischen Pädagogen ins Schwäbische. Nicht zum ersten Mal, bereits 1994 wurde er für eine Deutschland-Tournee des National Ballet of Canada mit James Kudelkas „Pastorale“ und „Coppelia“ als einer von wenigen Jungen aus der Ballettschule ausgewählt und gastierte dabei u.a. auch im nahen Ludwigsburg.
Aufgrund einer längeren Krankheit Pestovs, speziell auf dessen Kapazität er setzte und durch den er auch Russisch gelernt hatte bzw. lernen musste, kehrte Evan auch aufgrund der Wertlegung der Familie auf einen akademischen Abschluß noch einmal an die von Oleg Vinogradov gegründete Akademie nach Washington DC. zurück, um dort nach nur einem Jahr ( 2 Schuljahre in einem!) sein Diplom zu machen. Während diesem Zeitraum hatte er in Folge eines Bootsunfalles einen totalen Kreuzbandriss im Knie erlitten. Ärzte prophezeiten ihm nie wieder tanzen zu können. Nach zwei depressiven Monaten ging er dennoch zu einem bereits geplanten Sommerkurs nach Colorado und versuchte wieder zu trainieren. Dort begegnete er Gilbert Meyer von der Ballettschule der Pariser Oper, der viel mit ihm gearbeitet und durch Evans Tanzleidenschaft an ihn geglaubt hatte. Tatsächlich ging es mit den Beinen bald besser, so dass Meyer ihn einlud in die Abschlussklasse nach Paris mitzukommen. Mittlerweile war jedoch Pestov wieder gesund, weshalb es Evan schließlich doch wieder nach Stuttgart drängte, um dort die Ballettausbildung zu beenden. Das war 2001. Während dieser Zeit nutzte er wie schon zuhause in Toronto jede Gelegenheit so viele Vorstellungen wie möglich zu sehen.
Bereits damals fiel der groß gewachsene Junge regelmäßigen Ballett-Besuchern durch seine Präsenz und Haltung auf, die manchen bereits an eine vielversprechende Zukunft denken ließ. Auf ein Jahr als Eleve folgte schließlich die Übernahme ins Corps de ballet. Früh bekam er kleine Charakterrollen anvertraut, mit dem Kapitän in Crankos „Pineapple Poll“ sein erstes Tanz-Solo und schließlich noch vor dem Hortensio mit Lucentio (Zähmung) eine frühe Einspring-Chance, weil sämtliche Alternativen ausgefallen waren. Eine Woche hatte er nur Zeit für dieses Debut. „Last minute“ sei das gewesen, aber durch gutes Zureden von Georgette Tsinguirides bestand er diese Herausforderung erfolgreich. Es macht ihm Spaß mehrere Rollen in einem Stück zu tanzen, wie später auch in „Dornröschen“ mit dem Prinz des Nordens, danach dem Blauen Vogel und schließlich im Juli 2008 als Desiré. Wie schon bei Siegfried (Debut Oktober 2007) wurde er auch in der Rolle des Aurora-Erweckers aufgrund seiner idealen körperlichen Proportionen als der klassische Prinz gefeiert. Wer jedoch glaubt, darin sieht Evan seine zentralen und wichtigsten Aufgaben, täuscht sich.
Die Balanchine-nahen, vom puren Tanz lebenden Figuren bedeuten für ihn, so sehr er den Meister der Neoklassik schätzt, letztlich nur einen Teil seines Repertoires. Auf die Mischung neoklassischer und auch von modernen Tanzstilen beeinflusster Choreographien kommt es ihm an und vor allem immer wieder auf die darstellerische Entwicklung von Charakteren in den unterschiedlichen Handlungsballetten. Neben dem Lenski, der ihm nach dem Debut im Februar 2006 die spontane Ernennung zum Solisten einbrachte und dessen Gestaltung ihm bei seinem jüngst erfolgten Onegin-Debut enorm zum Verständnis beigetragen hat, waren das noch Des Grieux in „Kameliendame“ und die neu choreographierten Stücke von Christian Spuck (Alwa in „Lulu“), Mauro Bigonzetti (Vincenzo in „I fratelli“) und Kevin O’Day (Laertes in „Hamlet“, danach als ehrenvolle Aufgabe die Titelrolle – die er, wäre er Schauspieler, brennend gern spielen würde). Besonders gefreut hat ihn, dass O’Day mit ihm einige Facetten anders als mit den beiden Alternativ-Besetzungen kreierte und ihn dadurch davon befreite, lediglich eine Kopie der anderen zu sein. Sich selbst finden ist für Evan in jeder Rolle, jeder Aufgabe wichtig.
Auch wenn er in vielen Parts der einstigen Cranko-Größe Heinz Clauss auftritt und im puren, schlichten, auf wenig Äußeres setzenden Tanz Parallelen zu ihm erkennt, möchte er nicht dessen Doublette sein. Viel gelegen wäre ihm auch an Otello und Jago in Neumeiers Shakespeare-Ballett, denn leider war McKie z.Zt. der Stuttgarter Einstudierung in der Spielzeit 08/09 für einige Monate durch eine Achilles-Sehnen-Verletzung ausgefallen. Neumeier mit seinen akribisch genau erläuterten Vorstellungen, aber auch Wayne McGregors viel Flexibilität und Spiel mit dem Körper verlangenden Stil zählt Evan zu den bisherigen Höhepunkten choreographischer Auseinandersetzungen. Eine Sonderstellung nimmt für ihn Stuttgarts Hauschoreograph Marco Goecke ein, der sich wie Cranko enorm von den Tänzern inspirieren und ihre Persönlichkeiten wie Flammen aus der Dunkelheit seiner düsteren Bühnenräume herausglühen und flackern läßt. Da sei in der Tat so viel Persönliches und ungewohnt Neues aus ihm herausgekommen. Auch wenn er bei einer Choreographie oder Rolle mal gegen seine eigene Überzeugung oder sein Wesen eingesetzt werden sollte, würde er das nie ablehnen, denn er braucht eine große Verantwortung gegenüber der Kompanie, gerade auch bei widersprüchlichen Aufgaben.
Von Balanchine ( Herren-Solo in „Theme and Variations“ ), über MacMillan (der Ewige in „Lied von der Erde“) bis zu Forsythe („Thrill“) und einigen Uraufführungen nachwachsender Choreographen hat McKie bislang auch ein breites abstraktes Repertoire erarbeitet. Von der schöpferischen Seite hat er sich bei der letztjährigen Reihe „Junge Choreographen“ der Noverre-Gesellschaft vorgestellt und in „Vapour Plains“ (= Dampf-Prärie) von der Partnerschaft seiner Kollegen Alicia Amatriain und Jason Reilly zu einem ungewöhnlich kühnen Pas de deux inspirieren lassen. Die ohne Bodenberührung um den Körper des Mannes gehangelten Bewegungen der Frau hatte er zuerst bei einer Puppe ausprobiert. Bedenkt man dabei sein zuvor nur einmal erprobtes Choreographien als 13jähriger! in der Ballettschule, ist diese durchdachte und körperlich ausdrucksvolle Präsentation umso höher einzuschätzen. Dennoch: an eine Zukunft als Choreograph denkt McKie nicht, auch wenn es ihm nicht an Ideen dafür mangelt. Überhaupt ist die Zeit nach dem Tanzen jetzt noch kein Thema, nur so viel ist sicher: es muß mit Theater zu tun haben, denn ein Leben ohne Musik, die ihn unwillkürlich zu Tanzschritten animiert, ohne Kunst, ist für ihn nicht denkbar. Vielleicht kommt ja auch eine Ballettmeister-Funktion in Frage, sieht er sich doch bei den Proben gleichzeitig auch als Regisseur, der anderen automatisch Korrekturen gibt. Als Tänzer, der sich um sehr viele Details kümmert, wird er von Kollegen oft gefragt. Sehr wichtig sei dies für ihn, um auch einmal vom eigenen Ego wegzukommen. Ein Choreograph oder Regisseur muß immer wissen, was das Beste für die anderen, ein Tänzer, was das Beste für sich selbst ist! Diese Balance hat er Robert Tewsley und Manuel Legris zu verdanken, die ihm oft während der Proben Korrekturen gegeben haben.
Auch außerhalb seiner eigenen Aktivität saugt er das Angebot an Ballett-, aber auch Opern- und Schauspiel-Veranstaltungen in sich auf – von allem kann er etwas Positives für sein eigenes Wirken mitnehmen. Außerdem ist er dankbar für das familiäre Klima in der Kompanie und zwischen den Kollegen, die er nie als Konkurrenz betrachtet. Jede/r hat hier seinen Platz und seine Aufgaben. Von dem auch im Gespräch so rationell und emotionell ausgeglichen wirkenden Künstler mit der herausragenden Symbiose aus Eleganz, Noblesse und Charakterfestigkeit dürfen wir sicher noch viel erwarten – sowohl in der Vertiefung bereits studierter Partien als auch in den hoffentlich noch bevorstehenden Rollen des Albrecht („Giselle“), Armand („Kameliendame“) oder – als besondere Wünsche – Edward in Bintleys gleichnamigem Historienballett, Rudolf in MacMillans „Mayerling“ und Carabosse in „Dornröschen“. Generell weist Evan dem Handlungsballett eine wichtige Funktion zu und glaubt, dass auch künftige Choreographen wieder mehr auf diese Form vertrauen und setzen werden.
Zuletzt bekennt er sich noch als Fan des Stuttgarter Balletts – einer Kompanie mit Persönlichkeiten und einem Publikum, dessen Anteil am Ballettgeschehen einmalig sei. „Phantasie haben und träumen“ - das ist genauso wichtig für die Zuschauer wie für ihn als Tänzer! Spätestens bei diesen Schlussworten wird klar, dass Evan McKie auch ein ausgesprochen liebenswerter Mensch ist, der sich viele Gedanken um das Leben, die Bretter, die die Welt bedeuten macht.
Ein herzliches TOI-TOI-TOI für die Zukunft!
Udo Klebes